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It's all about domains… mit Barbara Povše von CENTR

Die Vielfalt im DNS-Ökosystem ist auch das Ergebnis unterschiedlicher Kulturen. Das gilt insbesondere für ccTLDs. Schnallen Sie sich an, wir nehmen Sie mit auf eine Reise durch Europa, um das zu entdecken, was wir am meisten lieben: Domains.


Interview: Barbara Povše CENTR .si registry

Länderspezifische Top-Level-Domains sind wesentliche Elemente des DNS. Sie wurden basierend auf der ISO 3166-1 alpha-2 speziell für ein bestimmtes Land, einen souveränen Staat oder ein autonomes Territorium entwickelt. ccTLDs sind insbesondere in Europa beliebt, wo sie weit verbreitet sind und erfolgreich eingesetzt werden.

Mit dem Ziel, die Entwicklung europäischer ccTLDs zu fördern und daran mitzuwirken, koordiniert CENTR (Council of European National Top-Level Domain Registries) ccTLD-Registrys sowie deren Zusammenarbeit, um hohe Standards zu gewährleisten. Als Vorsitzende des CENTR-Vorstands und Leiterin der .si Registry, verantwortlich für die slowenische ccTLD, ist Barbara Povše eine echte Expertin mit  einem renommierten Namen in der Domain-Branche. Mit einem akademischen Hintergrund in Mathematik begann sie ihre Karriere 1994 beim Academic and Research Network of Slovenia (ARNES). Innerhalb dieses öffentlichen Instituts wurde sie Leiterin der slowenischen ccTLD.

Wir begrüßen Barbara zu „It's all about domains“, unserer Interviewreihe mit Expert:innen aus der Domain-Branche. Heute wird sie mit uns die facettenreiche und lebendige ccTLD-Szene in Europa näher beleuchten.

Warum sind ccTLDs in Europa immer noch so beliebt?

Es stimmt, dass europäische ccTLDs im Allgemeinen einen größeren Marktanteil haben als gTLDs. Dafür gibt es viele Gründe. Dies sind die wichtigsten:

  • Für Endkunden ist es wichtig, eine lokale Adresse und Identität vorzuweisen.
  • Europäische ccTLDs legen großen Wert auf die Betriebssicherheit.
  • Nationale Gesetze regeln unser Geschäft und schützen Domain-Inhaber.
  • Lokale Registrare bieten die Registrierung in den jeweiligen Landessprachen an.
  • Streitigkeiten können einfach beigelegt werden.

ccTLDs sind Teil unserer nationalen Online-Identität, daher bevorzugen die meisten Kunden die Verwendung einer lokalen ccTLD für ihre Online-Präsenz und als Marke für ihr Geschäft. Begünstigt durch die Pandemie und den Bedarf der Unternehmen, online präsent zu sein, war die Wachstumsrate für Domains unter europäischen ccTLDs im Jahr 2020 deutlich höher als in den Vorjahren.

Europäische ccTLD-Betreiber behalten jedoch den ersten Verlängerungs-Zyklus für Domain-Registrierungen im Jahr 2020 im Auge. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Registranten ihre Domain nach dem ersten Jahr auslaufen lassen. Vorhersagen in dieser außergewöhnlichen Zeit zu treffen, ist eine Herausforderung, aber wir bleiben optimistisch, zumal die Nachfrage nach neuen Domains im ersten Quartal 2021 gestiegen ist. CENTR-Daten zeigen auch, dass die durchschnittlichen Park- und Fehlerraten unter den ccTLDs deutlich niedriger sind als die entsprechenden Werte unter den Top 100 gTLDs. Dies ist von Bedeutung, da die aktive Verwendung von Domain-Namen (oder die Nichtnuztung) die Beibehaltung von Domains stark beeinflusst.

Eine Multi-Year-Domain-Registrierung gibt Ihnen genau die langfristige Planungs-Perspektive, die Ihr Unternehmen braucht. Und sie bringt weitere erhebliche Vorteile mit sich.

Wie entwickeln sich die Preise für ccTLDs? Bewegen sich die nationalen Registrys in eine andere Richtung?

Laut CENTR-Statistik waren die Preise in den letzten Jahren weitgehend stabil. Der durchschnittliche Kaufpreis europäischer ccTLDs beträgt 10 EUR, mit einem Renewal-Preis von 14 EUR. Die Preise variieren je nach ccTLD etwas, aber es gibt keine signifikanten Unterschiede. Einige Registrys bieten gelegentlich Aktionspreise für Registrierungen an. Dennoch ist die Renewal-Rate bei rabattierten Domain-Namen oft viel niedriger, was bedeutet, dass nicht die gewünschten langfristigen und positiven Auswirkungen auf das Wachstum von Domain-Registrierungen erzielt werden.

CENTR erstellt vierteljährlich einen globalen TLD-Report. Wie schaffen Sie es, Daten aus so vielen Registrys zu sammeln und auszuwerten?

Die CENTRstats-Dashboards bieten eine beeindruckende Menge an Informationen, was das Wachstum von Registrierungszahlen und Registrar-Preise betrifft. Dazu gibt es Mitgliederbefragungen zu verschiedenen Themen, die CENTR-Mitgliedern dabei helfen, unsere Aktivitäten zu planen, sich mit anderen ccTLDs zu vergleichen und sich generell auf die Zukunft vorzubereiten und so gleichsam  als "Kristallkugel" fungieren.

CENTR zählt derzeit 53 ordentliche und neun assoziierte Mitglieder. Zusammen sind sie für über 80% aller registrierten Domains weltweit verantwortlich. Jedes CENTR-Mitglied stellt statistische Daten für unsere jeweiligen Registrys bereit. Darüber hinaus verwendet CENTR zusätzliche Quellen, um Daten zu sammeln. Die Hauptquellen für ccTLD-Daten sind CENTR-Mitglieder, APNIC (Asian-Pacific ccTLD-Organisation), Net Knowledge und Zooknic. gTLD-Daten stammen von ICANN und aus direkten Zonen-Downloads mit gTLD-Betreibern.

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Wie ist es möglich, dass es für ccTLD-Registrys als einen der sichtbarsten Betreiber des DNS kein einheitliches Governance-Modell gibt?

Angesichts der unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen, lokalen Gepflogenheiten und Unterschiede in der lokalen öffentlichen Politik würde kein einzelnes Governance-Modell für mehr als ein paar ccTLDs passen. ccTLDs entwickeln ihre Richtlinien entsprechend den Bedürfnissen ihrer jeweiligen lokalen Internet-Communitys. Auch die Registrierungs-Modelle unterscheiden sich je nach Situation im Land: Einige setzen auf Registrare, andere bieten den Inhabern von Domain-Namen eine direkte Registrierung an.

Die Unternehmensstruktur der ccTLD-Manager spiegelt diesen Aspekt wider. In Lateinamerika sind Registrys oft akademische Einrichtungen, während in Europa das gängigste Modell eine gemeinnützige Einrichtung ist und im asiatisch-pazifischen Raum regierungsbasierte Modelle bevorzugt werden.
Jedes Modell hat Stärken und Schwächen, aber die Mission jeder ccTLD-Registry besteht darin, den stabilen, sicheren, unterbrechungsfreien und zuverlässigen Betrieb ihrer nationalen TLD zu gewährleisten.

Trotz dieser Unterschiede sind ccTLD-Registrys eng miteinander verbunden: Sie arbeiten in regionalen Organisationen (z.B. CENTR in Europa, LACTLD für Lateinamerika) zusammen und kooperieren weltweit innerhalb der ccNSO (Country Code Names Supporting Organisation) von ICANN. Wir tauschen Informationen und Ideen aus und lernen aus den Erfolgen und Misserfolgen der anderen.

Alles in allem möchte ich sagen, dass die Vielfalt des DNS-Ökosystems kein Bug, sondern eher ein Feature ist.

Was ist DNS Security und wie kann uns Technologie dabei helfen, eine Domain zu schützen? Klaus Darilion (nic.at) beantwortet unsere Fragen, damit wir das schützen können, was uns allen besonders am Herzen liegt: Domains!

Gibt es EU-Richtlinien, die alle ccTLD-Registrys einhalten müssen?

Wie bereits erwähnt, arbeiten ccTLDs in ihrem eigenen lokalen rechtlichen Rahmen, aber diese nationale Gesetzgebung wird natürlich durch EU-Vorschriften geprägt. Einige neue regulatorische Entwicklungen in der EU werden sich erheblich auf den Betrieb der europäischen ccTLDs und das DNS-Ökosystem im Allgemeinen auswirken. Am bemerkenswertesten sind die Vorschläge für eine Richtlinie über Maßnahmen für ein hohes gemeinsames Niveau der Cybersicherheit in der gesamten Union, zur Aufhebung der EU-Richtlinie (EU) 2016/1148 (bekannt als NIS2-Vorschlag) und der Gesetz-Entwurf für digitale Dienste (der Digital Services Act, kurz DSA).

Mit allen europäischen ccTLDs an Bord beobachtet CENTR sorgfältig die regulatorischen Entwicklungen der EU, die für unsere TLDs wichtig sind. CENTR ist bestrebt, die Stimme der DNS-Community auf EU-Ebene zu sein. Für diejenigen, die an der Entwicklung internetbezogener EU-Gesetzgebung interessiert sind, würde ich wärmstens empfehlen, die Kommentare seitens CENTR zu den NIS2- und DSA-Vorschlägen zu lesen.

Ist das Internet nicht eine der bahnbrechendsten Erfindungen der Menschheit? Wir stellen Ihnen hier die Organisationen vor, die Online-Kommunikation überhaupt erst möglich machen.

Was waren die auffälligsten Veränderungen und Fakten in der europäischen ccTLD-Szene der letzten Jahre?

Zum einen gibt es einen wachsenden Regulierungsdruck auf ccTLD-Registrys, der unser Tagesgeschäft enorm beeinflusst. In der jüngeren Vergangenheit war die Rolle der ccTLD-Betreiber primär rein technisch: Wir waren für den Betrieb und die Wartung der technischen DNS-Infrastruktur für unsere Top-Level-Domain verantwortlich.

Das hat sich geändert, und jetzt liegt der Fokus verstärkt auf der Bekämpfung missbräuchlicher und illegaler Inhalte im Internet. ccTLD-Registrys sind bestrebt, zu einem umfassenden und effektiven Ansatz gegen illegale Online-Inhalte beizutragen – aber wir sind in unserer Rolle und Funktion als Betreiber der technischen DNS-Infrastruktur eingeschränkt. ccTLDs enthalten nur Informationen, die es Benutzern ermöglichen, das Internet zu navigieren – sie speichern, übertragen oder verbessern keine Online-Inhalte.

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Darüber hinaus wurden ccTLDs in den letzten Jahren als „Betreiber wesentlicher Dienste“ (Operators of Essential Services, kurz OES) aufgeführt, wie in Anhang II der NIS-Richtlinie über Maßnahmen für ein hohes gemeinsames Sicherheitsniveau von Netz- und Informationssystemen in der gesamten Union verankert. Sie gelten gemäß dem Vorschlag für eine NIS2-Richtlinie als „wesentliche Einrichtungen“.

Darüber hinaus werden ccTLDs gemäß dem DSA-Vorschlag als Vermittler mit völlig neuen Verantwortlichkeiten im Zusammenhang mit Online-Inhalten gesehen. Dennoch sind die Haftungsausschlüsse unklar und die Definitionen illegaler Inhalte vage.

In diesem Zusammenhang bringt der sich ändernde Rechtsrahmen viel Unsicherheit in den Betrieb von ccTLDs. Die Justizbehörden der EU befassen sich mit illegalen und schädlichen Online-Inhalten nicht “unisono”, um eine musikalische Analogie zu ziehen. Bei den beiden oben genannten Vorschlägen sehen wir uns mit viel Unsicherheit und sogar Widersprüchen konfrontiert. Vor einigen Jahren war der durchschnittliche ccTLD-Registry-Mitarbeiter ein technischer “DNS-Guru". In letzter Zeit beschäftigen wir verstärkt Informationssicherheits-Spezialisten und Rechtsanwälte.

Hat sich COVID-19 auf den Betrieb von .si ausgewirkt?

COVID-19 hat Auswirkungen auf die ganze Welt und .si bildet keine Ausnahme. Was ich für .si sagen kann, gilt wahrscheinlich für die meisten europäischen ccTLDs.

Wir hatten Glück. Das Aufblühen von Online-Geschäften führte zu einer höheren Nachfrage nach Domain-Namen. Aber natürlich mussten wir uns auch der neuen COVID-19-Realität stellen, die sich intern und international auf ccTLDs ausgewirkt hat. Wir haben versucht, die Moral und den Teamgeist in unseren jeweiligen Organisationen aufrechtzuerhalten, während wir uns nur online treffen konnten. Das Onboarding neuer Mitarbeiter war eine Herausforderung. Es wurde viel Wert darauf gelegt, dass unsere noch kritischer gewordenen Betriebsfunktionen stabil, sicher und unterbrechungsfrei bleiben.

Die Vernetzung mit anderen ccTLDs ist für uns von großer Bedeutung. Es gibt nur eine ccTLD pro Land, weshalb es wichtig ist, sich mit anderen ccTLDs auszutauschen. Früher sahen wir uns regelmäßig auf CENTR-Workshops und trafen bei ICANN-Meetings mit außereuropäischen Registrys zusammen. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir uns immer noch online treffen können, aber das ersetzt nicht alle Chats oder die informelle Problemlösung, die normalerweise am Rande dieser persönlichen Treffen stattfindet.

Rückblickend glaube ich, dass wir gestärkt daraus hervorgehen werden. Wir haben viel gelernt, als wir gezwungen waren, unser Geschäft und unsere Kommunikationsprozesse zu ändern. Schon jetzt ist klar, dass wir nicht dorthin zurückkehren werden, wo wir vor der Pandemie waren. Wir müssen das Gute bewahren und in das neue „Normal“ einarbeiten.

ccTLDs werden in Zukunft mit vielen Herausforderungen und Veränderungen konfrontiert sein, aber das macht es noch interessanter, einen von ihnen zu managen und derzeit Vorsitzende des CENTR-Vorstands zu sein.


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